DOMODOSSOLA

Domodossola

Von den Bergen, durch die tiefen dunklen Tälern kommend, mit dem Zug, vom Ort der Kamine, vom Pass der einsam stehenden Kiefern, vorbei an Untiefen, an Schattenflanken, von denen die Menschen im Sommer flüchten, fahr ich, hinunter ins sich Breitende, wo der Osso meandernd sich das Tal erobert, Sand und Schotter auswirft und alles grau vereinnahmt, bis in die Weite die grünt, dort wo Domodossola liegt, dort wo die Liebe seid Jahrhunderten gärt.

Prall ist sie geworden, in den vor sich hin dämmernden Renaissance-Häuser, wartend mit unsagbar melancholischem Blick auf alle die Liebhaber beiderlei Geschlechts, die sie irgendwann erkennen mögen.

Kein Reisebericht gibt Hinweise auf diesen Ort, kein Roman und nicht ein Gedicht handelt von ihm, doch jeder, der einen Sinn für Liebe hat und dem die Ohren davon klingen, dem die Augen davon übergehen, weiß von den sich unendlich wiederholende Freuden und der Tragödie, der an diesem Ort seinen Anfang findet, sein Zentrum hat.

Ihr wisst wovon ich spreche, denn auch ihr könnt, wie ich, an einem Sommertag, am Beginn dieses Jahrhunderts am Jugendstilbahnhof dieser Stadt ankommen. Der immer schon ein Durchgangsort war, für die, die es sehnsüchtig nach Süden zog.

Seid Ihr nicht hier angekommen, so seid ihr wohl gerade in einer andere Stadt, in der sich folgendes zuträgt.

Der Bahnhof in der Morgenstunde ist noch leer, eine Einsamkeit hat sich ausgebreitet die nur Wunder ankünden kann.

Eine Engländerin huscht vorbei, weit abstehend, luftig gelocktes weises Haare, ein leicht blasser Taint mit Sommersprossen, ein durchscheinendes Seidenkleid mit verwackelt verwaschenem Blumenmuster von damals.

Trotz verschlossenem Zugfenster rieche ich ihr Parfüm. Aber kaum ist sie aufgetaucht, ist sie wieder fort.

Die Beiden sitzen auf einer Bahnhofsbank unter dem Schild, das mit Schokoladenschrift Domodossola verkündet: Sie, ein Mongölchen im weiten grauen Trainigsanzug, mit kurzen Armen drallen Beinchen und ebensolchem Busen sitzt da und schaut ihn an: verliebt, verliebt, verliebt!

Er, ein Bein über das ihre gelegt, sie an sich drückend küsst ihren empfindsamen Hals. Was ihr unsagbar verklärtes Lächeln bis in den Körper erzittern lässt.

Ich schaue wie entrückt, denke nichts, kann mich einen Moment nicht bewegen, so rührt mich diese unschuldige Liebe. Ich höre mich ein stilles Gebet ausstoßen, lass sie, lass sie, lass sie so sein!

Er, nicht größer wie sie, hat dunkle kurze lockige Haare, ein breites Gesicht, mit einer kleinen Nase, einen ausdrucksvollen Mund und diese dunklen weit auseinander liegenden Augen. „Die Naivität eines Fauns“ denke ich. Sein Kopf mit kräftigen Backenknochen, dazu ihr Lächeln, das eine Welt anstrahlt, die ihnen alles erdenklich Gute schenken wird.

Die Liebenden am Bahnhof von Domodossola sind für mich der Stern der Orientierung geworden in der Nacht der dampfenden Garküchen. Er, der Stern seitdem die unendliche Sehnsucht nach Liebe nährt, die immer mit dem Namen Domodossola verbunden bleiben wird.

Beim Klang des Namens Domodossola klingt es in meinen Ohren, flirrt es vor meinen Augen, weitet sich der Brustkorb, wird der Gang geschmeidig.

So trat ich aus der Bahnhofshalle auf die Strasse, wo mich ein junger Elefant begrüßte.

Der entzückende Anblick des jungen Liebespaares hatte mich in jene Stimmung versetzt, in der es selbstverständlich erschien, dass in dieser Stadt der Liebe von einem freundlicher Elefanten begrüßt werde.

Seid diesem Moment kann ich mich nicht mehr von all den Elefanten erwehren, fast jede zweite Wolke wird zum fliegenden Elefant, im Zug sitzt einer mir gegenüber, im Kaffeehaus liest einer Zeitung und lächelt freundlich zu mir her, auf der Parkbank sitzt ein schlanker Elefant mit Handtäschchen, die Freundinnen meiner Mutter, alles Elefanten-Tanten.

Der kleine Elefant von Domodossola, gerade verlasse ich den Bahnhof, kommt auf mich zu, beschnupperte mich mit seinem feuchten Rüssel, gibt mir einen Begrüßungs-Kuss auf den Hals, einen auf die Stirn, dann stößt er mich auffordernd von hinten vorwärts, als wollte er sagen – Komm doch, jetzt mach schon! – bevor er den Einwohnern der Stadt, die aus ihren Häusern gekommen waren und die Gehsteige füllten ankündigte, hier ist jemand, der Domodossola entdeckt, der das Geheimnis erkannt hat.

Ja, und so geschah es, als ich durch die alten Gassen ging sah ich was sich in den Salons der alten Renaissancehäuser zugetragen hatte, konnte die Zeichen an den Ecken, bei den Eingängen, auf den Treppen, über den Türen lesen, hörte die Gesänge, die von den Terrassen und Balkone erklangen, hört, was die Kamine auf den Dächern erzählten, die vielen Schichten des Putzes legten ihre Texte frei die alle nur von einem, von der Liebe sprachen.

Am Bahnhof erahnte ich die Wege, die nach Domodossola führen, sah die vielen Wege die von hier fortwiesen und wüsste auch, ohne es noch aussprechen zu können von Bremen und all den anderen Orten die sich mir hinter Domodossola einreihen werden.

Ich sah die Vielen die sich auf dem Weg der nach hier machen und ankommen werden, aber wusste auch schon von den Vielen die sich im schroffen Gebirgen das diese Stadt umgibt verlaufen werden, sich schon verlaufen hatten.

Wer ist nicht aller eilig an Domodossola vorbei, ohne zu bemerken was ihm hier begenen wird?

Schnell wollen sie alle zum großen See mit den Toteninseln, oder weiter ans Meer um alle Kleider abzulegen, um in Massen am Meeres zu vergessen.

Dieses Kleinod hier wird aber einfach übersehen, überfahren, umgangen auf die Seite geschoben. So kommt es, dass die Häusern die Geheimnisse der Liebe aufbewahren, verbergen, behüten müssen.

Auch ich war in Liebesdingen nicht gewandt, ein Tölpel, wie die meisten Männer stolperte ich in mein Glück, ohne wirklich zu begreifen, wie und was mir geschah, hier aber war ich jetzt angekommen.

Ja, der süße Elefant hatte mich abgerochen, und von allen möglichen Stellen erspürt. Angedenk der sich gerade ereignenden Offenbarung ließ er aus seinem Rüssel eine Fanfare über die Mauern, durch die Tore und Fenstern der Stadt, bis an die Hügel und bis hin zum Delta des Ossola vernehmen, bis hinauf in die hohen Berge, wo sein Echo bis heute noch zu hören ist!

Die Friseurin, Madame Tschinella mit ihrer Frisur viel schnella, in abgetretenen Badelatschen, Friseuse Sorayja mit einer Frisur wie aus der Friteuse und niedlich kurzer Nase, Schuster Paolo Piatti, der vor Aufregung sein Herrentäschchen liegen gelassen hatte und dem die Serviette noch im Kragen stak, die Dame, mit Lockenwicklern und Morgenmantel, eine andere mit einfacher Kochschürze und diese Signora mit Aktentasche und Beneodner, den sie auffordernd unter ihren Busen geklemmt hatte: Sie alle staunten!

Und ich, staunte über das Staunen! Es war mir ja nicht zu Ohren gekommen, dass eine Art Messiasgerücht über der Stadt schwebt, das von Generation zu Generation weitergereicht wird, inzwischen aber etwas verblass geworden ist.

Einmal wird die Würde der Stadt, ihr Gründungsmythos offenbar werden, wir erzählt. Es wird sich ein junges Mädchens in einen jungen Maurerburschen verlieben und diese werden glücklich werden.

Ein junger Elefanten mit einem jungen ebenmäßig schönem Treiber wird in der Stadt sein, ein Durchreisenden wird in die Stadt kommen, der aufmerken und erkennen wird worauf wir warten und er wird es der Welt mit „ohne Gitter mit Twitter“ verkünden.

Und wie es bei Mythen so ist, gerade weil man nicht weiß was sie sagen werden sie weitererzählt. Im Laufe der Zeit war aber aus den Erzählungen, da ein Detail, dort eine Farbe verloren gegangen, Töne wurden umgetönt, ein Erzähler wollte ganz wahrhaft sein und hatte das Staunen fortgelassen, das Geheime wurde ausgelassen und nur die Tatsachen: Elefant, verliebtes Paar, junger schöner Elefantenführer, ein Durchreisender wurden tradiert.

Letztlich rankten sich um den schlanken, schön gewachsene Elefantenführer und seinem Elefanten mehr Geschichten als das blasse Erstaunen eines Durchreisenden hergab, der einmal vor langer Zeit im Zentrum der Erzählung stand, hing doch von ihm gedeih und verderben der Stadt ab. Er war ja nur ein flüchtiger Moment den zu halten nicht lohnt, wie die Liebe die wie ein Hauch da und wieder fort sein kann.

Zählen die unzähligen Kindern dieses Liebespaares nicht, erzählt ihr Leben nicht auch von dieser Liebe?

Das Paar am Bahnhof hat Generationen von Dichtern, Musikern und Landstreicher hervorgebracht, die ihr Verständnis von Liebe in die Welt trugen, an dem sich heute noch Trude, die 90jährige Briefträgerin orientiert, Paul der immer präsente Hausmeister, Rudi der für alle Gänse Hamburgs zuständig ist und Schubert, der gefeierte Komponist, der gegenwärtig die Städte durchzieht und sich als Spezialist für Abfalleimer und Gesimse auf denen vereinsamte Wurstsemmeln liegen ausgibt.

Dem versierten Beobachter muss aufgefallen sein, fast alle Einwohner dieses Städtchens hinken – wann dies überhaupt als Hinken bezeichnet werden kann? Es sieht so aus als würden sie einen Fuß nachziehen, oder Hämorrhoiden haben. Breitbeinig gestelzt die Männer, die Damen mit einem aufjauchzendem Hüftschwung, während Knaben und Mädchen sich immer hüpfend durch die Gassen bewegen.

Ich weiß wie verfehlt es sein kann, ein ganze Stadt gleich zu setzen, aber ich habe bemerkt: Alle Menschen, ob sitzend oder gehend, stehend auf Balkonen, auf der Leiter, oder beim Einkaufen, sogar wenn sie die Strasse queren wirken, als würden sie wachen Auges schlafen.

Kennen Sie den Schleier der wachträumende Menschen umhüllt? Sehen Sie an dem Tonus ihrer Körperhaltung, diese Spannung, des hell auf den Punkt gerichtet seins, dieses Streben hat hier niemand an sich. Denn das Helle ist heller, das Scharfe scharfer, das Verschwommene klarer, besser kann ich nicht beschreiben was Sie erleben, kämen sie nach Domodossola.

Bei alle der Herzlichkeit, Freundlichkeit und Klugheit die mir dort begegnen ist, wusste ich nie, ob mein Gegenüber „ganz bei Sinnen ist“. Ja, sie hören richtig: „Nicht ganz bei Sinnen“, waren alle, ob am Morgen oder in Mitten der Nacht. Alle denen ich in Domodossola begegnet bin fehlte ein Sinn.

Sie waren geschäftstüchtig, nicht zu sehr, lieferten den Menschen in den Bergen die, die Stadt umgaben alles was diese brauchten, wussten die Durchreisenden zu nutzen, hatten viele Menschen nach Mailand, Rom, ja nach Amerika und an die Kriege verloren, trotzdem berührte sie all dies nicht so, als würde es nur darauf ankommen, wie das in anderen Städten zu beobachten ist.

Nach dem Erlebnis am Bahnhof hatte ich mir – ich kann nicht sagen warum – mehr Zwerwüchsige , hatte ich mehr Gesichter von traurigen Clowns mit wirren Augen in der Stadt erwartet: Damen mit altmodischen Kleidern und dick überschminkten Gesichtern. Ich hatte alte Lüstlinge mit Schaal und Sonnenbrille und viele junge muskulöse Männer in T-Shorts, geölten Haaren und glänzenden Schuhen erwartet!

Aber nur ein Herr mit Überrock war mir aufgefallen, der mit einem kräftig schwarzen Bart ausgestattet war und buschig schwarze Augenbrauen, aber, wo wäre der nicht aufgefallen?

Und viele ältere Damen, die, auch wenn Sie Greisinnen genannt werden müssen vielen auf, die nur schön stolz und äußerst gepflegt aus dem Haus gingen, auf Stühlen vor ihren Häusern saßen, beim Einkaufen oder auf Stühlchen an den zwei drei Plätzen der Stadt anzutreffen waren.

Die älteren Männer hingegen, ja auch sie hatten Anzüge die einmal schön gewesen waren, jetzt aber verwaschen, vom vielen Bügeln hingen sie an ihren Körpern als käme es darauf an viel Luft zwischen sich und dem Stoff zu bekommen.

Vielleicht zeigen diese Männer mit Hauslatschen, ob jung oder alt, uns Fremden an, sie seien hier zu Hause: „Ihr Schuhträger dürfen unser Pflasten nur gastweise betreten – hier aber wohnen und sind wir, mit unserem Geheimnis!“

All die Conten, Contessinen, die Prinzessinnen und der Druchness, waren nicht zu sehen. Sie waren nur zu ahnen in der fortschreitenden Zeit und in dem sich bergendem Raum und nur dem Zeichner und Erzähler zugängig.

Kurz lässt er Contesse Annabell hintern Vorhang im ersten Stock ihres Palais erscheinen, der durch seinen hutartigen Aufsatz – anders kann ich das in Worten nicht ausdrücken – alle Blicke nach oben zog. Keiner hatte sie bemerkt, denn alle Blicke waren auf den jungen Burschen gerichtet der den Elefanten begleitete.

Einige sahen in ihm den Inder, andere vermuteten eine Pakistani,

die älteren, die noch den Krieg erlebt hatten meinten einen Abessinier zu erkennen, für andere war der ein Sarrazene.

Wie gesagt schön und ebenmäßig war seine Gestalt, seine Haut wirkte wie poliert, der Gang geschmeidig mit einem leichten Wippen in der Hüfte, sein Gesicht war von einem Lächeln durchzogen dessen edler Reinheit sich niemand zu entziehen vermochte.

Neben ihm trat der Elefant, ein Kind, trotz seiner Größe, in den Hintergrund, so aufmerksam verfolgten Männer wie Frauen die, schreitende Gestalt die selbstbewusst die Straßenmitte einnahm.

Kinder bewunderten ihn, ein kleines Mädchen das schon die ganze Zeit zwischen den Beinen der Erwachsenen herumgewuselt war lief mit seinem hellen Kleid zu ihm hin und zupfte an seiner Pluderhose, solange, bis er sie liebevoll auf den Arm nahm. Als er sie zurück zu den Eltern brachte, griff sie immer wieder nach seinen opalschwarzen Augen, scheinbar konnte auch sie deren Tiefe nicht fassen.

Zurück in der Mitte der leergefegten Strassen, die Autos waren in der zweiten Reihe stehen geblieben, hörte ich das Sing-sang das Kling-klang, das Plappern und die guturalen Laute die aus seinem Mund kamen, nein, aus seiner Brust, nein, aus seinem Scheitel entwichen sie.

Töne, die seinem tierischen Begleiter Richtung gaben, Töne, die ihm selbst, seine Gestalt zu geben schien, die, seine Gestalt selbstbewusst erstehen ließen, Töne, die diese Stadt aus ihrem Jahrhunder-Schlaf für einige Augenblicke erwachen ließ, für jenige Augenblicke, in denen wir ihr alle unsere Sinne öffneten, geleitet von diesem Sing-sang.

Das Schauspiel dauerte nicht lange, die Geschäftsinhaber, die Kunden und Passanten widmeten sich bald wieder ihren Alltagsrollen, nachdem beiden Elefant und Elefantenführer um die Ecke in einer Seitengasse verschwunden waren.

Der Klang und Rhythmus, der Sing-Sang und der schwingende Gang, bestimmte mein Gehen und Sehen ab und an immer noch – insbesondere am Morgen nach dem Aufstehen passt sich mein Gang dem Klang an und ich weiß, meine Elefanten folgen mir!

Sie haben recht – fertig ist die Geschichte noch nicht – Ja, es gibt noch viel zu erzählen, einiges kann nur aufgezeichnet werden!